Jugend beim NYS unter SHS- Flagge- weitere Berichte vom Event:

Der Tag der Regatta,
ein Erlebnisbericht von Benjamin Weiß (Azubi bei Fa. Sartorius)

Samstag der 22.10.2011. Mein Wecker lärmt:  7 Uhr. Verdammt! Ist das früh. Jetzt schon aufstehen? Sechs Stunden Schlaf mussten wohl reichen.  Als ich mich im Schlafsack aufrichte, stoße ich mir fast den Kopf. Die Kabinen auf so einem Segelschiff sind eben sehr niedrig. Wer hier Luxus erwartet, ist fehl am Platz.
Skipper Sigo Mühlich ist schon auf den Beinen und hat schon das Segelwetter nachgefragt. Wind aus südlicher Richtung, ca. 2-3 Beaufort. Mist, wär´s doch nur mehr, aber so brauchen wir wenigstens nicht zu reffen. Ansonsten könnte das Wetter für Mitte Oktober nicht besser sein: viel Sonne, kein Regen. Die Vorfreude auf die Regatta ist groß.

Es ist bereits unser zweiter von drei Segeltagen. Gestern hatten wir freies Training und den grundlegenden Umgang auf einem Segelschiff kennengelernt. Nicht gerade einfach sich sofort zu merken, wie einzelne Manöver gefahren werden und welche Leinen welche Aufgabe erfüllen. Ganz zu schweigen von den vielen neuen Begriffen. Doch schon jetzt habe ich vieles davon verinnerlicht. Hier ist eben „Learning by doing“ angesagt. Auch der Umgangston ist anders. Direkte und klare Befehle, schließlich muss alles schnell und sicher gehen. Eine tolle Erfahrung!

Der Start der Wettfahrt ist 10:30 Uhr . Vorher müssen noch das Schiff (die „Beauty II“, eine 11-m Yacht) vorbereitet und die Crew eingewiesen  werden. “Heute können wir uns keine Ausfälle erlauben“, denke ich mir, sonst reißen wir nichts. Ich werfe schnell noch einen Blick auf die Karte und präge mir den Regattakurs gut ein. Die Regatta besteht aus 2 Wettfahrten. In der ersten muss der Kurs zweimal,  im zweiten Lauf einmal umsegelt werden. Der Sieger wird schließlich aus der Platzierung in  beiden Rennen ermittelt. Das wird ein Spaß!

Schon auf dem Weg zur Startlinie setzen wir das Großsegel und die Genua (ein Vorsegel).  Wir starten mit der „Beauty II“ in der ersten Gruppe zusammen mit 33 Yachten gleichen Geschwindigkeitspotenzials  -jede zwischen 100.000.- und  200.000.-€ wert-  und segeln vor der Startlinie auf und ab, um eine günstige Startposition zu finden. Das wird eng. “ … drei, zwei, eins, los!!“  Gut dirigiert, Sigo! Wir starten mit dem vorderen Drittel der Yachten.
„Groß dichter! … Genuaholepunkt 5 cm nach vorn! … etwas anluven! … siehst du die Tonne? … alle Mann auf die hohe Kante“ …  mir schwirrt der Kopf. Gestern beim Training wurde alles erklärt, war alles gemütlicher. Aber jetzt in der Wettfahrt: schnell, schnell,  schnell!  Der Adrenalinspiegel steigt.  
Gedränge an der ersten Wendemarke.  Laut wird von den Skippern „Raum“  gefordert, ja gebrüllt, und es wird eng. Doch  die Besatzungen passen auf und halten sie Schiffe voneinander ab. „Puuh, da braucht frau/man  Nerven“.   Unsere „Beauty II“ kommt gut um die Tonne und nimmt Fahrt auf.  Jetzt bloß nicht „parken“!  Doch es passiert!  Verrückt, dieses küstennahe Segelrevier: wir schleichen im Windloch, fünf andere Schiffe ziehen knapp 200m neben uns mit Fahrt an uns vorbei. Es ist zum Haareausraufen…  Früher gab es noch hölzerne Steuerräder – da konnte frau/man noch ´reinbeißen. Heute ist alles aus Edelstahl…. Noch zweimal geparkt,  ausgeträumt. Als 25ste Yacht laufen wir über die Ziellinie.  Unsere Motivation hätte für den ersten Platz genügt.

Aber wie erging es unserem zweiten Schiff, der kleineren „Gambler“?


Unser Weg auf das Treppchen
EIN BERICHT VON LENNART SCHILLER (SCHÜLER AM THG)

„Lennart, du wollest doch mal zum Segeln mitkommen. In den Herbstferien ist Gelegenheit“, überraschte mich mein Klassenkamerad Marvin, „bei einer Azubi-Segelausfahrt von Sartorius sind zwei Plätze frei geworden, da könnten wir einspringen!“
Das war vor zwei Monaten. Jetzt sitze ich wieder in der Schule, schaue gelegentlich vom Buch auf hinaus zu den Bäumen und freue mich, wenn sich die nackten Zweige bewegen: Ein Zeichen für Wind!
Wind braucht man zum Segeln – das weiß jeder. Seitlicher Wind neigt das Segelschiff – ist klar.  Wind erzeugt Wellen – auch klar. Das zur Seite geneigte segelnde Schiff fährt  durch die bewegte See.  Habe ich oft in Filmen gesehen. Aber jetzt war ich Teil des Schiffes und musste mich darauf  bewegen. Oioioi, nicht ganz einfach. Glücklicherweise gibt es genügend Haltemöglichkeiten an Bord unserer kleinen „Gambler“, die uns für die „Nautic Young Stars“ Regatta Ende Oktober von dem Veranstalter, dem Charterzentrum Heiligenhafen,  zugelost war. Die „Gambler“ hat kein Steuerrad, sondern eine Pinnensteuerung, von der (nur) Skipper Eberhard begeistert war.
Zu der Regatta waren mehr als 350 Jugendliche (bis 22 Jahre) aus allen Teilen Norddeutschlands angereist und bemannten die ~70 Yachten des Veranstalters. Also eine wirklich große Veranstaltung für den Seglernachwuchs. Gemeinsames Frühstück und Abendessen in einem Festsaal wurden vom Veranstalter organisiert, tagsüber beim Segeln und nachts waren wir (=die 5er Crew) allein auf unserem knapp 9m kleinen Schiff.

Marvin und ich teilten uns die Vorschiffskabine.  Ich fand´s dort gar nicht so eng. Man darf halt nicht zu viel Zeugs mitbringen. Jasper und  Thorben, die beiden Sartorius-Azubis, wohnten in der hinteren Kabine. Die hatten viel mehr Klamotten mit –immer schick für die Mädels-  und hatten da wohl mehr Probleme, das alles unterzubringen.
Skipper Eberhard schlief im Salon. Er gab sich reichlich Mühe, uns die Grundbegriffe des Segelns beizubringen und ließ uns während der drei Tage  abwechselnd das Schiff steuern. Nur beim Ab-und Anlegen des Schiffes hatte er die Pinne in der Hand, huschte ansonsten über das Schiff um die Segel zu „trimmen“.

Freitag,  der Übungstag für alle Crews, war für uns der härteste Tag. Vormittags reichlich . Wind aus West und ganz schön Welle vor Heiligenhafen.  An der frischen Luft ging es mir gut, aber unter Deck: nein danke! Nicht allen ging es gut. Die hüpfende „Gambler“ hinterließ  -zur Freude der Fische-  Spuren im Wasser.  Egal. Wir  übten immer wieder Manöver und wurden immer besser. Es ist gar nicht so einfach: Im rechten Moment loswerfen, schnell holen, sichern, kurbeln. „Gut so! Einen kleinen Schrick (hä?)!  Gut so! Wieder etwas holen! Nicht auf die Kurbel gucken, schau´ nach vorn ins Segel!“
Nach drei Stunden: „Seid ihr hungrig?“ Was für eine Frage! „Na klar, uns wie!“  

Zum Mittagessen legten wir in Orth (Fehmarn) an. Da schmeckte das Fischbrötchen (Seemanns Rache!) schon wieder.  Spaziergang unter warmer Sonne, herrlich. „Eigentlich  muss jetzt ich nicht wieder auf´s Wasser“, dachte ich. Hab´s aber nicht ausgesprochen. Glaube, der Skipper hätte mich „gewurstet“. Also wieder hinaus aufs Meer.  Eberhard hatte sich mit den anderen Schiffen seines Vereins, die „Fame“(B. Hencke), „Beauty II“(S. Mühlich), und „Donald“(T. Bode) zum Training verabredet „um halb drei an der Nordtonne“.

Glücklicherweise drehte der Wind am Nachmittag auf  südliche Richtung, und die abnehmende  Wellenhöhe ließ unser Selbstvertrauen wieder steigen.  Allerdings mussten wir lernen, dass größere Schiffe einfach schneller sind.  Thorben taufte die „Beauty II“ in „Ugly II“ um, weil sie mit seinen fünf Azubi Kollegen an Bord schneller war als unsere kleine „Gambler“ mit dem kurzen Vorsegel.  Was niemand ahnte:  Die „Gambler“ hatte  ein großes Vorsegel im Stauraum. Eberhard fand es und zog es am nächsten Morgen auf. Haha!

Samstag, der Regattatag: Frühstück gemeinsam mit 349 hungrigen Seglern im Festsaal, dann aber zack, zack! Auslaufen. Schon ein Wahnsinn, 70 Schiffe tummeln sich hinter der Startlinie. Nur die Ruhe bewahren. Schuss. 34 Yachten der ersten Gruppe machen sich auf den Weg. Mitten drin die „Beauty II“,  die schnelle 11m Yacht mit fünf Sartorius Azubis und zwei Betreuern (Skipper Sigo Mühlich und Steffen Osang als 1. Offizier), der wir jetzt die Daumen drückten, denn sie fuhr nicht in unserer Gruppe.  
Jetzt starten wir. Und los! Schon bald ist klar: Wir jagen nicht, wir werden gejagt. Unsere „Gambler“ läuft gut mit dem großen Vorsegel. Und wir Youngsters steuern gut, verdammt gut, yeah! Skipper Eberhard muss nicht viel reden. Meist sitzt er auf dem Vorschiff und gibt Fingerzeichen:  mehr nach Luv… mehr nach Lee (ob ich mir die Begriffe je merken werde?).  An jeder zweiten Bahnmarke wechselte der Steuermann, so hatte jeder Anteil am Erfolg: 4. Platz,  geil! Wer hätte das gedacht?

Die zweite Wettfahrt begann „Hals über Kopf“, denn wir ankerten noch und löffelten unser leckeres Würstchengulasch („und das Geschirr wird mit Küchenrolle sauber gewischt“, O-Ton des Skippers) als die erste Gruppe zum Vorwind Start lief. „Das kann man mit Jollen machen, aber nicht mit Yachten. Wer soll das bezahlen?“, brummte Eberhard.
Der Wind hatte nachgelassen. Unser Start war „gerade drei minus“. Mittelfeld. Und dann passierte es: Die vorderen Yachten liefen an der ersten Wegemarke in ein Windloch, die nachfolgenden Schiffe kamen vor schwachem Wind näher. Segelschiffe können vor dem Wind nicht bremsen! Also: Fender raus, Abhalten, so gut es geht.… Was für ein Durcheinander. Später hören wir, dass bei der Massenkollision bis auf wenige verbogene Seezäune keine Schäden auftraten.
Als wir wieder Wind in den Segeln hatten, waren wir an vorletzter Position. „So´n  Schxxx! Jetzt volle Konzentration!“ fordert der Skipper. Erster sind wir nicht mehr geworden  - aber immerhin noch 19ter.  Und: In der Tageswertung 9ter in der Startgruppe. Also ein „Treppchenplatz“, ahnte unser Skipper, „besser als alle Northeimer und die anderen Göttinger Schiffe, also „Südniedersachsen Champion“…“.
Das war mir  -entschuldige Skipper-  gar nicht wichtig. Na klar, es war ein tolles Gefühl, bei der abendlichen „after race party“ oben auf der Bühne den kleinen Pokal zu erhalten. Ich fand das ganze Segelwochenende super. Mit unbekannten Menschen auf engem Raum zu leben, gemeinsam gewinnen (und verlieren) und auch: sich gegenseitig am Lifebelt festhalten, wenn die Fische gefüttert werden. An das Schaukeln werde ich mich sicherlich noch gewöhnen.
Aber: nächstes Mal gehe ich auf ein Schiff mit Steuerrad.

 
 

Wenn Schiffe aus dem Ruder laufen,
liegt´s daran, dass die Leute saufen.
guckst du hier...
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